Heute ist Lina Jachmann zu Gast. Lina ist die Autorin des Buches „Einfach leben – der Guide für einen minimalistischen Lebensstil“. Gemeinsam werden wir uns in diesem Interview über das Thema „Minimalismus“ unterhalten und alles, was drumherum dazugehört. Zum Beispiel, wie du eine Packing Party organisierst und worauf du beim Entrümpeln achten musst.


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Einfach Leben

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Das Transkript zum Interview

Intro: Effizienter arbeiten, lernen und leben – der Podcast für dein Selbstmanagement. Damit du endlich wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben hast. #00:00:18-4#

Ein herzliches Willkommen zur Podcastfolge mit der Nummer 188. Mein Name ist Thomas Mangold, und ich freue mich, dich in diesem Podcast begrüßen zu dürfen. Heute habe ich wieder einen Interviewgast, und zwar ist Lina Jachmann bei mir. Lina ist unter anderem Autorin, und was sie noch so macht, das wird sie uns gleich erzählen. Sie hat das Buch „Einfach leben – der Guide für einen minimalistischen Lebensstil“ geschrieben. Gemeinsam werden wir uns in diesem Interview über das Thema „Minimalismus“ unterhalten und alles, was drumherum dazugehört, zum Beispiel, wie du eine Packing Party organisierst, wie du entrümpelst, wie du beginnen sollst und welchen Zeitraum die anvisieren sollst. Dazu gibt es jede Menge Tipps und Tricks. Wir werden die Vorteile des Minimalismus besprechen und darüber reden, wie du auch im Büro minimalistisch leben kannst und warum es Sinn macht, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Und vieles, vieles mehr. Alle, die glauben, Minimalismus ist so etwas wie „kahle Wände, Matratze mitten im Raum“, die werden sich schwer täuschen. Dieses Interview ist wirklich sehr, sehr wertvoll für dein Selbstmanagement und für dein Zeitmanagement, weil Minimalismus eben nicht nur das Wohnen betrifft, sondern auch viele andere Bereiche, und weil auch diese sehr spannend sind. #00:01:42-4#

Also, in diesem Sinne, starten wir gleich hinein in dieses Interview mit Lina Jachmann. #00:01:50-6#

Thomas: Hallo Lina, herzlich willkommen in meinem Podcast. Ich freue mich, dass du dir Zeit genommen hast. Sei bitte so lieb und nett und stell dich vor, wer du bist und was du so tust. #00:02:01-4#

Lina: Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich auch sehr, heute dabei sein zu dürfen. Ich bin ursprünglich geborene Hamburgerin und habe dort lange Jahre gelebt. Vor vielen Jahren bin ich dann nach Berlin gezogen. Hier arbeite ich als Kreativdirektorin und habe jetzt in diesem Jahr ein Buch zum Thema „Minimalismus“ geschrieben. #00:02:25-6#

Thomas: Ich bin auch jemand, der sich mit Minimalismus beschäftigt. Die spannende Frage ist, wie hat es angefangen, dass du dich mich mit Minimalismus beschäftigst, wie bist du überhaupt zu dem ganzen Thema gekommen? #00:02:40-0#

Lina: Bei mir hat es vor zwei, drei Jahren begonnen, dass ich mich intensiv mit dem Thema beschäftigt habe und ganz gierig alle Informationen, die ich finden konnte, aufgesaugt habe. Da ich eine große Buchliebhaberin bin, hat mich der Weg auch ganz schnell in die klassische Buchhandlung geführt, und dort habe ich nicht richtig das gefunden, was ich gesucht habe. Es gab zwar einige Bücher zum Thema „Aufräumen und Entrümpeln“, das waren jedoch eher klassische Ratgeber, in denen viel mit Regeln hantiert wurde. Die waren sehr starr, und das Konzept hat mir nicht so richtig zugesagt. Ich habe mir eher ein Inspirationswerk gewünscht, und das gab es in der Form leider noch nicht so richtig. Dann habe ich gesagt, okay, wenn es das nicht gibt, dann mache ich es selbst und habe das Buch „Einfach leben“ entwickelt, geschrieben und produziert, gemeinsam mit dem Knesebeck Verlag. Dabei war es mir wichtig, viele Elemente zu kombinieren. „Einfach leben“ besteht aus Interviews, aus Portraits, aus Homestorys, aber auch aus Rezepten, (? unverständlich #00:03:53-6# ) und ist wirklich ein richtiges Rundumschlagwerk, also genau das, was ich selbst mir gewünscht haben, als ich in das Thema „Minimalismus“ eingestiegen bin. #00:04:02-7#

Thomas: Sehr, sehr spannend, das ist mal ein anderer Blickwinkel auf das Thema. Und gerade das mit den „Homestorys“ finde ich super, weil man damit die Neugier der Menschen ein wenig befriedigt, das funktioniert immer sehr gut. Ganz einfache Frage: Macht Minimalismus glücklich oder glücklicher? #00:04:21-3#

Lina: Ich finde schon, so ganz persönlich jetzt geantwortet. Mich macht es glücklicher, und es bereichert mein Leben. Für das Buch bin ich durch ganz Deutschland gereist, habe 20 Personen interviewt, portraitiert und einen Einblick in ihr Zuhause sowie ihr persönliches Leben erhalten. Und mein Eindruck war, und das ist aus den Gesprächen auch hervorgegangen, dass es für alle eine Bereicherung und Verbesserung darstellt. #00:04:56-2#

Thomas: Dieses Gefühl habe ich auch. Alle, die mit relativ wenig auskommen, die kommen mir relativ glücklich vor.  #00:05:02-8#

Lina: (Lacht) Ja, genau, ich glaube, das ist einfach eine Sache der Fokussierung, dass der Minimalismus vielen hilft, ein bisschen klarer zu sehen. Im Leben wimmelt es nur so von Ablenkungen, und der Minimalismus hilft, dort den Überblick zu behalten, ein bisschen Klarheit zu gewinnen sowie herauszufinden und herauszukristallisieren, was eigentlich wirklich wichtig ist im Leben. #00:05:31-3#

Thomas: Absolut, absolut. Ich glaube, wir müssen noch ein wenig eine Lanze für den Minimalismus brechen. Immer, wenn ich mit Leuten über das Thema spreche, dann stellen sie sich einen leeren Raum vor mit einer Matratze darin, und das war‘s. Das ist vielleicht eine extreme, aber keine normale Form Minimalismus, glaube ich. Oder? #00:05:49-9#

Lina: Das ist genau das, was mir in Gesprächen oft begegnet, dass die Leute ein wenig Sorge haben, dass Minimalismus ganz viel mit Verzicht und Entbehrungen zu tun hat, und dass es bedeutet, dass man gar nichts mehr besitzen darf, schon gar nicht Dinge, die einem Freude bereiten. Die Leute sagen, „oh Gott, das könnte ich nicht, mit nur 50 Dingen in einer leeren Butze zu sitzen, nur noch ein Tellerchen und ein Gäbelchen zu besitzen“. Ich kläre dann immer auf, dass Minimalismus auf keinen Fall so aussehen muss. Er kann so aussehen, aber jeder kann den Minimalismus ganz eigenständig ausgestalten, wie er sich für ihn persönlich und individuell gut anfühlt. Und das finde ich wirklich ganz wichtig zu betonen, der Minimalismus ist kein Wettbewerb, keine Challenge. Er bedeutet nicht, dass derjenige gewinnt, der am wenigsten hat, und wer ein paar Sachen zu viel hat, der ist kein echter Minimalist, gehört nicht dazu und darf nicht in den Club hinein. Ganz im Gegenteil. Ich definiere den Minimalismus immer so, dass es darum geht, sich von den Dingen zu trennen, die das Leben nicht bereichern, die einem nicht guttun. Die überflüssigen Dinge, die man nicht benutzt, die Dinge, die vielleicht auch mit negativen Gefühlen belastet sind, denen negative Erinnerungen anhängen. Dass man sich von diesen Dingen trennt und sich auf die Sachen fokussiert, die einem guttun, die das Leben bereichern und einem Freude bereiten. Auch das Sammeln oder andere Hobbys lassen sich durchaus mit Minimalismus vereinbaren. Wenn jemand beispielsweise gerne malt, dann kann er dafür natürlich auch Stifte, Farben, Papiere und Utensilien aufbewahren. Wenn er diese Dinge verwendet, benutzt, sie ihm Freude bereiten, dann schließt sich das natürlich überhaupt nicht aus. Oder auch Musikinstrumente und Pflanzen kann man als Minimalist sehr gerne besitzen. Es geht nur darum, die Dinge auszusortieren, die eine Belastung darstellen und keine Bereicherung. Deswegen empfehle ich beim Entrümpelungsprozess, jeden Gegenstand einmal in die Hand zu nehmen, ihn anzuschauen und sich zu fragen, ob er das Leben bereichert. #00:08:03-1#

Thomas: Spannend. Bleiben wir vielleicht gleich beim Thema „Entrümpeln“. Wenn jemand den Entschluss fasst, „dieser Minimalismus, der ist was für mich, das will ich probieren“, wie und wo in der Wohnung sollte er dann am besten beginnen? #00:08:16-8#

Lina: Da gibt es ganz viele verschiedene Herangehensweisen. Marie Kondo ist die Aufräumpäpstin und hat dafür eine ganz klare Regel aufgestellt, wie man ihrer Ansicht nach am besten entrümpeln sollte. Ich habe mich davon ein bisschen distanziert, weil ich finde, dass Minimalismus sehr individuell ist und dass jeder seine eigene Herangehensweise oder Technik entwickelt. Es gibt Leute, die veranstalten gerne eine „Packing Party“, das heißt, sie packen alle Dinge, die sie haben, in einen Umzugskarton, so, als ob sie umziehen würden und erlauben sich dann, einen Monat lang nach und nach die Dinge herauszuholen, die sie wirklich brauchen und vermissen, Dinge, von denen sie beispielsweise sagen, „ich brauche unbedingt meine Stifte“ oder dies und jenes. Dann holen sie die Sachen nach und nach heraus, und nach einem Monat trennen sie sich von all den Dingen, die sie nicht aus dem Karton herausgeholt haben. Sie machen es ganz einfach andersherum. Sie sortieren nicht aus, was sie nicht haben wollen, sondern sie wählen die Dinge, die sie haben möchten. Und das finde ich grundsätzlich sehr, sehr positiv, und diese Vorgehensweise würde ich immer empfehlen. Wenn man zum Beispiel einen Berg von Kleidung hat, dann kann man einfach die Stücke heraussuchen, die man gerne haben möchte, und von den anderen trennt man sich. Auf diese Weise fokussiert man sich nicht auf die negativen Sachen. Es gibt Leute, die sich zwei, drei Tage Urlaub nehmen und dann in einem Rutsch die ganze Wohnung entrümpeln, und es gibt andere, die jeden Tag ein bisschen aufräumen und bei denen es sich über einen längeren Zeitraum hinzieht, denen es ein bisschen schwerer fällt, loszulassen und sich von den Dingen zu trennen. Deswegen finde ich, dass man sowohl den Zeitraum als auch die Frage, womit man beginnt, individuell wählen soll. Es gibt Leute, denen macht es Freude, mit der Kleidung zu beginnen, weil man dort schnell einen großen Fortschritt sieht und es auch noch irgendwie überschaubar ist. Das kann man gut an einen verregneten Sonntag machen, alle Kleidung aus dem Schrank ziehen, aufs Bett werfen, dann bekommt man erst einmal einen kleinen Schockmoment, wenn man sieht, wie viel man besitzt. Und das ist ein Punkt, mit dem man gut beginnen kann, das ist ein überschaubares Projekt, das man in ein, zwei oder drei Stunden machen kann. Dann hat man einen schnellen Erfolgseffekt. Oder man beginnt an einem anderen Punkt, das sehe ich überhaupt nicht dogmatisch. Jeder kann dort beginnen, wo es ihm gerade leichtfällt. #00:10:39-9#

Thomas: Und wenn ich am Beginnen bin und vor meinem Kleiderschrank stehe, was ist die beste Aussortierregel? #00:10:47-6#

Lina: Ich finde es ein bisschen schwierig, starre Regeln vorzugeben. Davon habe ich mich distanziert, weil ich merke, dass man schnell die Freude und die Begeisterung verliert, wenn die Regen zu starr sind. Beim Aussortieren kann man genauso vorgehen wie bei jedem anderen Ding, das man in der Wohnung aussortieren möchte. Man nimmt es in die Hand und horcht einmal in sich hinein, bereichert es das Leben, ja oder nein? Und das klingt ein bisschen seltsam, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Diese Entscheidungen fallen die ersten ein, zwei oder auch zehn Male vielleicht nicht so leicht, und man findet nicht schnell eine klare Antwort, aber mit ein bisschen Übung gelingt es, dass man etwas in die Hand nimmt und sofort beantworten kann, ob es eine Bereicherung ist oder nicht. Vielleicht bewahrt man es aus anderen Gründen auf, weil man es vielleicht geschenkt bekommen hat oder man denkt, gerade bei Kleidung, dass es einmal teuer gewesen ist. Aber eigentlich hat man es nie angezogen, weil es vielleicht gar nicht richtig gepasst hat oder seinem Besitzer nicht richtig steht oder weil man sich darin nicht wohlgefühlt hat. Und das ist ein Prozess, zu lernen, ehrlich zu sich zu sein und zu hinterfragen, ob es vielleicht andere Gründe gibt, warum man an diesen Dingen festhält, obwohl man sie augenscheinlich gar nicht verwendet.  #00:12:16-6#

Grundsätzlich ist es eben ganz gut zu hinterfragen und zu überlegen, wann habe ich das eigentlich das letzte Mal benutzt? Bei Dingen, die man beispielsweise ein Jahr lang nicht mehr benutzt hat, muss man sich fragen, ob man die wirklich in seinem Leben braucht. Oder bei Kleidung, da hilft es auch ganz gut, die Bügel im Schrank in eine Richtung zu drehen, und immer, wenn man etwas anzieht, den Bügel in die andere Richtung zu drehen. Daran sieht man nach kurzer Zeit ganz schnell, was die Teile sind, die man sehr gerne trägt und welche Teile eigentlich gar nicht zum Einsatz kommen. Das ist auch ein ganz guter Anhaltspunkt. #00:12:55-5#

Thomas: Genau, das ist gut. Ich habe kleine runde Sticker gekauft, die ich auf alle zusammengelegten Sachen geklebt habe. Nach einem halben Jahr habe ich gesehen, dass ich die Sachen mit den Stickern nicht angehabt habe und dass ich diese Stücke ohne Probleme eliminieren kann. #00:13:09-4#

Lina: Das ist auch ein super Tipp. Ich sage immer zu den Leuten, dass sie einfach auf ihren Wäscheständer schauen sollen, weil sich dort in der Regel die Lieblingsteile befinden, die „in heavy Rotation“ sind und die einfach die Capsule Wardrobe ausmachen. Das sind die Teile, die immer getragen werden, die sich in der Wäsche befinden, eben die Lieblingsteile.  #00:13:31-9#

Thomas: Genau, bei der Kleidung merkt man es oft, da kommt die 80/20-Regel zum Vorschein: 20 Prozent der Kleidung trägt man regelmäßig, die restlichen 80 Prozent, die im Kasten sind, kaum. Das ist auch spannend. Gehen wir mal auf das Umfeld ein. Es ist nicht immer einfach, wenn man anfängt, auszumisten, zu entrümpeln und zum Minimalisten zu werden. Wie reagieren Freunde und Familie eigentlich auf eine solche Radikalreduktion? #00:14:05-7#

Lina: Die erste Reaktion, würde ich sagen, ist immer eine sehr große Neugierde von allen Seiten, dass dies alle erst einmal sehr, sehr spannend finden und dann, wenn sie tiefer einsteigen, natürlich viele Fragen haben, „warum machst du das, und was soll das Konzept überhaupt?“ Oft äußern sie auch Bedenken und fragen, ob Reduktion etwas mit Verzicht zu tun hat. Da gibt es große Vorbehalte, verzichten möchte niemand, das ist ganz negativ besetzt. Aber wenn man ein bisschen erklärt, dass es nicht darum geht, sich zwingend von allen Dingen zu trennen, sondern eben nur von den falschen Dingen, dann sind die meisten auch ganz erleichtert und atmen auf. Und dann ist es so, dass sich viele davon inspiriert fühlen und sagen, dass sie es spannend finden und selbst auch ausprobieren wollen. Selbst meine Eltern, die gerne Dinge besitzen und auch sammeln, haben sich davon sehr inspiriert gefühlt und haben ebenfalls damit begonnen, ein bisschen auszusortieren. Und sie fühlen sich damit sehr wohl und auch erleichtert. Mein Vater hat gesagt, und das hat mich auch sehr geprägt, „wenn man nicht aufpasst, hat man alle zehn Lebensjahre einen Meter Schrank mehr“. (Lacht) #00:15:33-5#

Thomas: Das ist gut! #00:15:34-9#

Lina: Das ist wirklich sehr wahr. Ich habe es selbst erlebt, als ich direkt nach dem Studium nach Berlin gezogen bin. Da hatte ich ein kleines WG-Zimmer, ganz wenig Dinge, und das war ein sehr schönes, leichtes und unbeschwertes Gefühl, das sich sehr frei angefühlt hat. Und dann sind natürlich mit der Zeit immer mehr Dinge hinzugekommen. Man hat Dinge geschenkt bekommen, man hat einiges gekauft und es wurde immer mehr und immer mehr. Aber eigentlich hat es sich gar nicht besser angefühlt. Und das finde ich ganz spannend. Die Reaktionen sind durchweg positiv, würde ich zusammenfassen. Viele fühlen sich inspiriert und berichten davon, dass sie beginnen und dass sie sich mit dem Thema beschäftigen und schauen, was sind überflüssige Dinge, welche können wieder in den Umlauf gegeben werden, weiterverschenkt oder verkauft werden? #00:16:26-4#

Thomas: Jetzt hast du „sich frei fühlen“ angesprochen. Wie verändert das einfache Leben den Alltag und das Lebensgefühl, kannst du dazu vielleicht noch ein bisschen erzählen? #00:16:36-7#

Lina: Ganz persönlich finde ich, dass der Minimalismus eine große Bereicherung darstellt, weil er das Lebensgefühl prägt und es sehr zum Positiven verändert. Dieser Spruch, dass Besitz einen irgendwann auch belastet oder dass die Dinge, die wir besitzen, irgendwann anfangen, und selbst zu besitzen, den habe ich ein Stückweit selbst erlebt. Wenn man zu viele Dinge hat, die einen umgeben, dann kann das zu Verwirrung und zu negativen Gefühlen führen. Sie lenken auch stark vom Leben ab, weil alle Dinge gepflegt werden müssen, sie müssen auch geputzt und instandgehalten werden, und das ist einfach zeitaufwändig. Ich verwende gerne das Beispiel vom Schreibtisch. Wenn man einen Tisch hat, auf dem sich viele Gegenstände befinden, der total überhäuft ist von Stiften, Papieren und Sachen, dann kann man sich einfach nicht so gut konzentrieren. Wenn ich etwas schaffen will, dann räume ich erst einmal meinen ganzen Schreibtisch leer, und dann kann ich loslegen. Und ich finde, genauso ist es nicht nur mit dem Schreibtisch, sondern auch mit allen anderen Dingen im Leben. Wenn alles klar, strukturiert und übersichtlich ist, dann breitet sich schnell Ruhe und Klarheit im ganzen Leben aus. Und das finde ich einfach super angenehm und positiv, das ist eine unglaubliche Bereicherung. #00:18:07-0#

Thomas: Das habe ich auch so erlebt, das kann ich voll und ganz unterstreichen. Jetzt habe ich entrümpelt und habe plötzlich extrem viel neu gewonnenen Raum beziehungsweise, vielleicht auch neu gewonnene Zeit. Wie kann man sie neu nutzen, hast du dazu Tipps? #00:18:25-0#

Lina: Ich denke, man muss sich gar keine Sorgen machen (lacht), dass sich dieser Raum, diese Zeit, die Kraft und die Energie nicht füllen. Ich habe ganz viel positive Rückmeldungen von Menschen bekommen, auch von ganz lieben Leuten, die mein Buch gelesen haben und die berichtet haben, dass sie sich auf die Reise gemacht haben, auf die Reise des Minimalismus, dass sie sich von ganz vielen Dingen getrennt haben und selbst ganz überrascht waren, wie viel sie unter dieser Schicht aus Gerümpel gefunden haben. Hobbys, Interessen, einfach wieder Zeit für die Familie, Zeit, um wieder Sport zu machen, Zeit, um sich wieder sich selbst und den schönen Dingen zu widmen. Die Muße, um einfach wieder mal in Ruhe ein Buch zu lesen, was vorher alles gar nicht möglich war, weil so viel Gerümpel über allem lag. In einem der Portraits im Buch beschreibt Daniel Frericks so schön, dass sich der Entrümpelungsprozess bei ihm so angefühlt hat wie eine archäologische Arbeit. Er hat sich quasi unter dem ganzen Gerümpel wieder Schicht für Schicht selbst freigelegt und sich durch das Entrümpeln wieder neu entdecken können. Und das ist etwas, was mir viele schildern, was sie durch den Minimalismus erleben und erfahren können. #00:19:55-5#

Thomas: Sehr, sehr cool. Minimalismus ist vermutlich nicht nur etwas für die eigenen vier Wände, sondern auch für das Büro. Welche Tipps hast du, wenn es um das Entrümpeln des Büros oder den Minimalismus im Büro geht? #00:20:07-9#

Lina: Minimalismus ist absolut etwas für das Büro, denn gerade dort möchte man konzentriert und fokussiert an einem Thema arbeiten und eben nicht von links und rechts abgelenkt sein. Und deswegen ist das ein Riesenthema. Das fängt natürlich damit an, dass man zunächst die Arbeitsfläche aufräumt, dort absolute Klarheit schafft, nur noch die Dinge griffbereit hat, die man wirklich braucht und sich eben für die richtigen Dinge entscheidet, mit denen man sich umgeben möchte, zum Beispiel schönes Schreibwerk. Dass man Wert darauflegt, dass einen die Dinge ansprechen, die man oft benutzt, und dass es die richtigen sind. Dass man einen Stift hat, mit dem man gerne schreibt, dass man Equipment hat, was gut gepflegt ist und gut funktioniert. Dieser Minimalismus, die Ordnung und Klarheit hört dann eben nicht auf der Schreibtischoberfläche auf, sondern es bezieht sich auch darauf, dass man die Dateien durchschaut und auch da entrümpelt und für Klarheit sorgt. Dass man Ordnerstrukturen anlegt, aber auch, dass man minimalistisch mit Social Media und allgemein mit dem Surfen im Netz umgeht, bis hin zu fokussierten Arbeitstechniken. Ich verwende zum Beispiel sehr gerne die Pomodoro Technik, da gibt es mittlerweile auch Apps oder Tools für den Rechner. Man kann sich aber auch ganz klassisch einen Küchenwecker hinstellen, dadurch ist Pomodoro ursprünglich entstanden, da ging es nämlich genau um diese Küchenuhr. „Pomodoro“ heißt „Tomate“, und diese Küchenuhr in Form einer Tomate hat den Erfinder dazu inspiriert, sich diesen Tomatenküchenwecker auf den Schreibtisch zu stellen und zu sagen, „ich arbeite 25 Minuten lang super konzentriert und fokussiert an einem Thema, und danach mache ich fünf Minuten Pause, in denen ich machen kann, was ich möchte. Ich kann mal in die Küche gehen und mir ein Glas Wasser holen, und danach lege ich wieder konzentriert los“. Und ich finde, dass dies eine Technik ist, die sehr gut hilft, um ganz klar, fokussiert und strukturiert an einem Thema zu arbeiten. Und man ist wirklich überrascht, was man in 25 Minuten schaffen kann, wenn man wirklich wie in einem Tunnel arbeitet und links und rechts alles andere vergisst. #00:22:23-5#

Thomas: Gerade das mit dem aufgeräumten Schreibtisch kann ich nur empfehlen. Auch, wenn man eine längere Pause macht oder wenn man am Abend den Schreibtisch verlässt, dann einfach schauen, dass die Arbeitsfläche fast leer ist. Denn dann setzt man sich am nächsten Tag umso lieber wieder hin und fängt mit der Arbeit an. Und es ist vor allem gleich fokussiert, und das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig. Super. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit beim Thema „Reduktion“ für dich? #00:22:49-0#

Lina: Bei mir spielt das eine sehr große Rolle, allgemein in dem Buch. Das Buch ist eigentlich ein Stückweit ein Ratgeber beziehungsweise ein Inspirationswerk für grünen und nachhaltigen Minimalismus. Das war mir ganz wichtig. Es gibt Menschen, die einfach sagen, sie trennen sich schlagartig von allem und werfen alles weg. Das ist ein kleiner Kritikpunkt von mir an diese Vorgehensweise an Marie Kondo. Sie sagt, dass sie aus jedem Haus ihrer Klienten, mit denen sie entrümpelt, sechs bis sieben Müllsäcke rausträgt und die dann wegwirft. Und das finde ich sehr schade, und da wünsche ich mir eigentlich eine andere Vorgehensweise. Dass man die Dinge, die man selbst nicht mehr haben möchte, im Umlauf hält. Dass man schaut, ob man sie noch verkaufen, verschenken, weitergeben oder spenden kann. Dass man damit einfach ein bisschen nachhaltiger umgeht. Denn oft sind es Dinge, die noch vollkommen gut erhalten sind, die man aber persönlich nicht mehr haben möchte. Sei es gut gepflegte Kleidung, die kann man auf jeden Fall spenden und weitergeben, Möbelstücke, Bücher, Kleidung, also Dinge, die man nicht mehr haben möchte. Ich finde es immer schön, wenn man dafür ein neues Zuhause sucht und findet. #00:24:03-0#

Thomas: Kann ich voll und ganz unterstreichen, das sehe ich so wie du. Super. Thema „Do it yourself“, was machst du selbst, was teilst du? #00:24:12-5#

Lina: Ich mache sehr viele Dinge selbst, besonders im Bereich Kosmetik und Badezimmer. Zum einen, weil es mir sehr gut tut, wenn ich die Inhaltsstoffe kenne und weiß, was drin ist. Dafür kann ich sehr die App „Codecheck“ empfehlen beziehungsweise, sie sorgt auch teilweise für kleine Schockmomente. „Codecheck“ ist eine App, mit der man die Barcodes von Waren scannen kann, und sie zeigt an, welche Inhaltsstoffe sich in dem Produkt befinden. In einem Kuchendiagrammsystem kann man ablesen, ob sich darin Inhaltsstoffe befinden, die möglicherweise schädlich sein könnten. Und wenn man das macht, das ist wirklich sehr erleuchtend, dann hat man in der Regel auch das Bedürfnis, sich von vielen klassischen Produkten im Badezimmer zu trennen, weil in vielen eben Inhaltsstoffe enthalten sind, die für den Körper und auch für die Umwelt nicht so positiv sind. Und daraus ist bei mir der Wunsch entstanden, Dinge selbst herzustellen. Ich stelle Körperpeelings selbst her, ich stelle Zahnputzpasta und Deo selbst her, Creme selber her. Und das macht mir sehr viel Freude, zum einen, weil ich eben weiß, was drin ist und zum anderen, weil ich dadurch auf Plastik verzichten kann. Ich benutze zum Beispiel feste Seife anstatt Duschgel, ich nutze auch eine feste Shampoobar für die Haare, um dadurch keinen Plastikmüll mehr zu produzieren oder im Haus zu haben. Und in vielen herkömmlichen Produkten befindet sich auch Mikroplastik, was ich wirklich superschlimm finde. Und die habe ich dadurch auch nicht im Haus, wenn ich es selbst herstelle. #00:25:54-4#

Thomas: Super Ansatz.  #00:25:58-8#

Lina: „Sharing Economy“ empfinde ich als eine Riesenbereicherung, das ist natürlich super für Minimalisten. Und da teile und benutze ich Carsharing, Bikesharing und auch E-Roller, Elektroroller im Sharing Modell. Die ganze Kette der Sharing Mobilität, die empfinde ich persönlich als eine tolle Bereicherung in Großstädten. #00:26:26-9#

Thomas: Sehe ich auch so. E-Roller habe ich hier in Wien leider noch nicht, aber Bikesharing und Carsharing, das haben wir schon. #00:26:34-2#

Lina: Ach so? Ich dachte, „EMI“ wäre auch schon da? Oder „UNO“? Das ist, glaube ich, auch schon in Wien. Oder? #00:26:38-5#

Thomas: Okay, muss ich mich mal umhören, das ist mir noch nicht untergekommen derweil. Aber ich schaue mal. #00:26:43-6#

Lina: Vielleicht war das auch nur die Testphase, aber ich hatte gerade bei der Maddie, die ich auch im Buch habe, von Blog DariaDaria, da hatte ich zumindest mal gesehen, dass sie auch dort auf einem E-Roller unterwegs war. Vielleicht war das aber die Testphase für Wien. Ich glaube, es kommt bald, es ist schon da oder es kommt bald. #00:27:03-0#

Thomas: Super, dann freuen wir uns darauf! (Lacht) #00:27:06-1#

Lina: Immer mehr Großstädte ziehen jetzt zum Glück nach. Es wird sich sehr schnell ausbreiten, dass das bald überall im Angebot sein wird. #00:27:13-8#

Thomas: Das denke ich auch. Ein letztes Thema hätte ich noch, und zwar das Thema „Dankbarkeit und Achtsamkeit“. Gehört das für dich auch zu einem reduzierten Leben? #00:27:25-0#

Lina: Genau. Ich denke, es muss nicht zwangsläufig für jeden dazugehören. Für mich gehört es aber dazu, für mich ist es ein Gesamtkonstrukt. Für mich gehört zum Beispiel auch das Thema „Zero Waste“ mittlerweile ganz stark zum Minimalismus mit dazu. Das Bestreben, möglichst wenig Müll zu produzieren, das finde ich, ist ein Thema, was für mich ganz stark mit dem Minimalismus verknüpft ist. Wenn man sowieso schon wenig Gegenstände besitzt, dass man eben schaut, dass man sich für die Gegenstände, für die man sich neu entscheidet, bestmöglich entscheidet. Das heißt, dass man nach Möglichkeit entweder Second Hand kauft oder eben fair und nachhaltig produziert, und wenn möglich auch mit wenig belastender Umverpackung. Gerade in der Küche, da produziert man den meisten Müll, dass man die Dinge am besten auf dem Markt oder vom Bauern unverpackt bezieht. Und das Thema „Achtsamkeit und Dankbarkeit“, das gehört für mich ganz, ganz stark mit dazu, einfach, weil es das Bewusstsein dafür schärft, was wir eigentlich schon haben und mit welchen Dingen wir zufrieden sein können. Und ich finde, da hilft es sehr, ein kleines Dankbarkeitstagebuch anzulegen und zu schreiben, um sich bewusst darüber zu werden, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben eben oft keine Dinge sind. #00:28:49-6#

Thomas: Vollkommen richtig. Das kann ich auch voll und ganz unterschreiben. Super. Das waren echt extrem spannende und auch viele Einblicke in das Thema „Minimalismus“. Ich glaube, da war für jeden etwas dabei. Dein Buch werde ich natürlich in den Show Notes verlinken. Wenn man sonst mehr über dich erfahren will, Lina, wo kann man das oder wo kann man mehr über dich finden im Netz? #00:29:09-2#

Lina: Man kann, um ehrlich zu sein, relativ wenig über mich im Netz finden, weil ich ein Stückweit eine sehr private Person bin und da gar nicht so viel preisgebe. #00:29:20-1#

Thomas: Okay, also dann einfach das Buch lesen, und dann passt das auch. #00:29:23-9#

Lina: Ja, genau. Wer dazu konkrete Fragen hat, kann mir gerne eine E-Mail schreiben und mich kontaktieren, gerne auch über den Verlag. Dafür stehe ich gerne zur Verfügung. #00:29:33-4#

Thomas: Okay, super. Dann herzlichen Dank, Lina, für das spannende Gespräch und für deine Zeit. #00:29:39-0#

Lina: Ich danke dir! #00:29:40-1#

Thomas: Ciao. #00:29:41-0#

Lina: Tschüss. #00:29:42-4#

Soweit also alles zum Thema „Minimalismus“, ein spannendes Interview, wie ich finde. Wenn du dich für das Buch von Lina interessierst beziehungsweise, es sind auch einige App- und Linktipps gefallen, die findest du unter selbst-managment.biz/188 für die 188. Podcastfolge.  #00:30:14-0#

Das soll‘s für heute wieder gewesen sein. Vielen Dank, dass du dabei warst. Und ich freue mich, wenn wir uns in einer der nächsten Podcastfolgen wiederhören. In diesem Sinne, mach‘s gut und genieße deinen Tag! #00:30:30-1#

Outro: Effizienter arbeiten, lernen und leben – der Podcast für dein Selbstmanagement. Damit du endlich wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben hast. #00:30:48-5#