Heute habe ich den Experten zum Thema Gelassenheit, Christian Bremer, zu Gast.  Sein Credo lautet: „Gelassenheit ist doch kinderleicht, wenn man weiß, wie es geht“. Christian Bremer präsentiert als Redner nicht nur, wie das Leben auch mit weniger Stress zu meistern ist, er macht es auch noch vor. Und was mir besonders gefällt, frei von jeder Esoterik.


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Gelassenheit – Transkript des Interviews mit Christian Bremer

Intro: Effizienter arbeiten, lernen und leben – der Podcast für dein Selbstmanagement. Damit du endlich wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben hast. #[00:00:16]-8#

Ein herzliches Willkommen zur 181. Podcastfolge. Mein Name ist Thomas Mangold, und ich freue mich und bedanke mich schon jetzt recht herzlich, dass du wieder dabei bist. Ich gestalte die heutige Show nicht alleine, sondern ich habe wieder einen sehr, sehr spannenden Interviewpartner. Diesmal dabei: Christian Bremer. „Die Welt“ schreibt über ihn, „er ist sympathischer als Bill Clinton“, und aufgrund meines Vorgesprächs und auch des Interviews kann ich diese Beschreibung nur unterstreichen. Das ist er mit Sicherheit, nämlich ein sehr, sehr sympathischer Kerl. Er ist als Redner, Autor und Seminarveranstalter einer der gefragtesten Experten im deutschsprachigen Raum zum Thema „Gelassenheit“. Und sein Credo lautet, „Gelassenheit ist doch kinderleicht, wenn man weiß, wie es geht“.  #[00:01:05]-1#

Christian präsentiert als Redner nicht nur, wie das Leben auch mit weniger Stress zu meistern ist, sondern er macht es auch vor. Und das alles, was mir besonders wichtig ist, garantiert esoterikfrei. Gemeinsam plaudere ich mit ihm über viele, viele spannende Dinge, vor allem natürlich über Stress und Gelassenheit. Unter anderem wird er erzählen, warum das Risiko eines Hirninfarktes nach Ärgersituationen um 500 Prozent höher ist als vorher. Er wird zwei Techniken vorstellen, wie man vom Ärger, von der Wut oder vom Stress zur Gelassenheit kommen kann, er wird sein „WOR-Konzept“ vorstellen und seine „MM“ erklären. Was das alles ist, das WOR-Konzept und das MM von Christian, das erfährst du jetzt in diesem Interview.  #[00:01:52]-3#

Ich will dich nicht mehr länger auf die Folter spannen. Podcast frei für Christian Bremer! #[00:01:58]-9#

Thomas: Hallo Christian, freut mich, dich in meinem Podcast begrüßen zu dürfen. #[00:02:02]-9#

Christian: Hi, grüß dich! #[00:02:03]-4#

Thomas: Für all jene, die dich noch nicht kennen, kannst du dich kurz vorstellen, wer du bist und was du den ganzen lieben langen Tag so treibst? #[00:02:11]-2#

Christian: Ja, sehr gerne. Christian Bremer, 44 Jahre alt, geboren in Dortmund, Fan von Borussia Dortmund. #[00:02:19]-9#

Thomas: Sehr gut! #[00:02:20]-7#

Christian: Verheiratet. Ich liebe es, Motorrad zu fahren, zu segeln, zu wandern. Und beruflich sorge ich für die totale Gelassenheit meiner Zuhörer. Ich mache Vorträge zum Thema „nie wieder ärgern“, Seminare für Führungskräfte, mentale Stärke zu beweisen in schwierigen Situationen. Und das ist mein Job. Ich schreibe Bücher im Beck-Verlag, das dritte jetzt, „Gelassenheit gewinnt“ und mache nur Gelassenheit eben in der Facette von Einzelcoachings, Einzelseminaren, Vorträgen, Bücher schreiben und bin bis heute total fasziniert, wie schnell wir Stress aufbauen können und wie schnell wir Gelassenheit aufbauen können. Und dafür sorge ich. #[00:03:06]-6#

Thomas: Super. Das ist spannend, und genau darüber unterhalten wir uns jetzt. Du hast schon gesagt, dass du dich mit dem Thema „Stress“ beschäftigst. Was ist deine genaue Definition von „Stress“ oder was bedeutet Stress für dich selbst? #[00:03:19]-1#

Christian: Für mich ist Stress ein Gefühl, das unangenehm ist. Und das kann Ärger sein, Wut, Druck, Angst, Sorge, Enttäuschung, Kopfkino. Das sind Gefühle, die ich habe, und die sind unangenehm. Ich bin kein Fan davon, zu sagen, dass es Eustress und Distress gibt, also diesen positiven Stress und den negativen Stress. Ich bin kein Fan davon, denn ganz viele Leute sagen, „ich habe positiven Stress, und den brauche ich auch“, und dann bums, geht das Licht aus, Schlaganfall, Herzinfarkt, Rückenleiden, große Schwierigkeiten, Burnout, Depression. Sie dachten, sie brauchten diesen positiven Stress, hatten aber in Wahrheit jahrelang eher unangenehmen Stress. Ich begreife Stress als ein Gefühl, was unangenehm ist, und zwar wiederkehrend. Beispielsweise beim Autofahren, ich komme aus dem Ruhrgebiet, hier ist immer Stau zwischen [06:30] und [9:30] Uhr. Wenn du nur einmal im Jahr im Stau stehst, dann bist du genervt, aber nicht gestresst. Wenn du aber jeden Tag im Stau stehst und am Vorabend schon genau weißt, dass du morgen wieder im Stau bist, dann ist das für mich ein Gefühl von Stress. #[00:04:42]-2#

Thomas: Kann ich gut nachvollziehen, das ist in Wien ähnlich (lacht). #[00:04:45]-8#

Christian: Ja, absolut. Ich bin öfter an eurer Wirtschaftsuni in Wien, und wenn ich mit einem Mietwagen oder mit dem Taxi durch Wien fahre, dann ist das Wahnsinn. Ich glaube, es ist wichtig zu sagen, wenn es nur einmal im Jahr ist, dann rede ich nicht von Stress. Das ist eine Belastung, das ist eine Beanspruchung, und fertig! Ich glaube, wir können von Stress sprechen, wenn wir uns unangenehm fühlen, und wenn das wiederkehrend ist.  #[00:05:11]-3#

Thomas: Okay, sehr spannend. Warum sind eigentlich so viele Menschen, gerade in der heutigen Zeit, gestresst? Oder haben wir schon immer Stress gehabt? Hat das mit den neuen Medien zu tun? Warum ist das so, was ist deine Meinung dazu? #[00:05:21]-3#

Christian: Ich finde bei dir gut, dass du sagst, dass es nicht den einen einzigen Grund und die eine einzige Technik gibt, um sich selbst zu managen. Es gibt immer mehrere Gründe und Vorgehensweisen, und nicht diesen heiligen Gral. Ich finde, es gibt auch mehrere Gründe, warum Menschen gestresst sind. Das eine ist, wir haben nicht gelernt, gelassen zu bleiben. Ich mache immer gerne den Vergleich, wir lernen in der Schule, wie wir sparen. Auch zuhause in der Familie lernen wir, zu sparen. Wir lernen jedoch nicht, zu investieren. Das lernen wir einfach nicht. Und das ist dabei genauso. Wir lernen in unserer Erziehung, in der Schule, zuhause, im Freundeskreis, im Verein et cetera, dass man sich Mühe geben und stark sein soll. Mach es anderen Recht, setze dich ein, sei der Gewinner. Das ist okay, es ist wichtig, so zu sein, aber dabei fehlt der andere Flügel, nämlich: erhol dich, mach dir ein schönes Leben, gönn dir was, sorge für Balance. Und das ist ein Hauptgrund, warum viele Menschen gestresst sind. Wir lernen, uns zu verausgaben, was ich wichtig finde, und was auch Spaß macht. Es ist gut, erschöpft zu sein, aber es ist eben nicht nur gut, sich zu verausgaben und nur Gas zu geben. Du machst auch viel im Bereich Sport und weißt, dass die Erholung nach dem Training und nach der Belastung super wichtig ist. Und das ist einer der Gründe, warum viele gestresst sind. Das andere, und davon bin ich überzeugt, ist, dass viele Menschen nicht unterscheiden können, was wirklich wichtig und wesentlich ist, und was scheißegal ist. #[00:07:00]-6#

Thomas: Das kann ich unterschreiben. (Lacht) #[00:07:03]-4#

Christian: Während meiner Seminare bekomme ich teilweise Fragen, zum Beispiel, „ich raste aus, das Einfädeln funktioniert nicht im Straßenverkehr“, wo ich dann denke, dass ich zwar einige Techniken zur Lösung dieses Problems habe, aber unterm Strich: Sei froh, dass du am Leben bist, dass du gesund bist, dass du Freunde und eine Familie hast. Sie froh, dass du ein Auto hast. Sei froh, dass du es besser kannst als der Opa vor dir, der sich im Straßenverkehr nicht einfädeln kann. Ich glaube, wir verlieren ganz, ganz oft den Blick fürs Wesentliche, und wir vergessen, dass wir einfach verdammt dankbar dafür sein können, dass wir am Leben sind, denn die Chance, dass wir geboren werden, ist sehr gering. Es ist wahrscheinlicher, dass es uns nicht gibt, als dass es uns gibt. Und das vergessen ganz viele Leute, diese Dankbarkeit dafür, in welchem Luxus wir leben. Auch in Wien, das ist eine super Stadt, wir leben doch im Luxus, das ist Wahnsinn! #[00:08:00]-6#

Thomas: Absolut, absolut. Wir haben im Vorgespräch darüber geplaudert, ich glaube, das passt ganz gut dazu, vielleicht kannst du kurz die Geschichte von Michael Phelps erzählen?  #[00:08:11]-1#

Christian: Ja, absolut, total gerne. Ich nehme mir jedes Jahr ein paar Tage, um zu schauen, welche starken Aussagen es von Spitzensportlern zum Thema Gelassenheit, Erfolg und Spitzenleistungen gibt. Und im letzten Jahr fand ich unter anderem die Aussage von Michael Phelps am beeindruckendsten, dass er erst bereit war, so viel Gold zu gewinnen, als er begriffen hatte, dass Schlaf für ihn total wichtig ist. Und das finde ich so entscheidend und wichtig, zu begreifen, ja, ich muss mich verausgaben, ich muss mein letztes Hemd geben, ich muss Gas geben, aber genauso wichtig sind die Muße, das Nichtstun und die Erholung. Und ich weiß auch von der deutschen Fußballnationalmannschaft, dass sie einen Schlafcoach haben, der ihnen beispielsweise Powernaps beibringt, 20 Minuten lang. Einen kurzen Espresso nehmen, und dann 20 Minuten lang hinlegen, denn der Espresso wirkt bei den meisten Menschen nach ungefähr 20 Minuten. #[00:09:24]-3#

Gestern zum Beispiel hatte ich einen Bürotag und habe mich 15 Minuten lang hingesetzt, die Augen zugemacht und bin kurz weggenickt. Ich habe mir mit dem Handy den Timer gestellt, und das ist so entscheidend und wichtig. #[00:09:32]-2#

Thomas: Das kann ich nur unterschreiben, die Espresso-Powernap-Methode, die wende ich selbst auch an.  #[00:09:36]-8#

Christian: Großartig!  #[00:09:38]-8#

Thomas: Vielleicht kurz noch für alle, die Michael Phelps nicht kennen, ich weiß nicht, wie viele Goldmedaillen er gewonnen hat, aber er ist ein ganz, ganz bekannter Schwimmer. Das vielleicht noch, und zum Sport habe ich auch noch etwas. Ich glaube, dass das Regenerationstraining früher gar nicht so wichtig war, dass es aber jetzt immer mehr an Wichtigkeit gewinnt. Gerade die neuesten Innovationen im Sport sind im Bereich Regenerationstraining entstanden.  #[00:09:59]-7#

Christian: Das ist spannend!  #[00:10:02]-5#

Thomas: Das noch als Ergänzung, aber du wolltest noch etwas sagen? #[00:10:03]-7#

Christian: Ich mache einen kurzen Sprung zurück, du hast gerade „Social Media“ erwähnt. Ich glaube, dass das Problem nicht Social Media ist, sondern das Problem ist vielmehr, dass die Leute vergessen haben, dass ein Smartphone einen „Aus“-Knopf und einen Flugmodus hat. #[00:10:24]-5#

Thomas: Richtig. #[00:10:24]-0#

Christian: Ich hatte heute Morgen im Büro zwei Meetings, und natürlich war mein Handy da im Flugmodus. Und das ist eine solche Seuche geworden, mal eben WhatsApp, mal eben Facebook, mal eben Instagram und Twitter. Ich finde, diese Plattformen, die sind genial. Sie sind jedoch so neu, dass wir noch lernen müssen, damit umzugehen. Und deswegen, ja, Facebook & Co., Social Media sind auch stressig für manche Leute, aber nicht an sich, sondern viele Leute versagen beim Umgang damit.  #[00:11:03]-0#

Thomas: Ich sehe das ähnlich. Genau, es gibt einerseits den Flugmodus und anderseits den Aus-Knopf, das sind die einfachsten Varianten. Ich bin, ehrlich gesagt, ein bisschen ein Technik-Freak, und ich finde diese Apps wie „Off-Time“ sehr cool, wo es verschiedene Profile gibt. Und wenn ich dort im Sport-Profil bin, dann kann ich auf die Musik zugreifen, auf meine Sport-Apps, und alles andere ist gesperrt und kann auch mir nichts senden. Und da gibt es verschiedene Profile, privat, Arbeit und so weiter. Das finde ich auch ganz cool. Man kann schon etwas tun, wenn man will. #[00:11:30]-4#

Christian: Ja, genau. Wir werden geflutet von allen möglichen Informationen, und das hat auch etwas mit Stress zu tun, denn wir entscheiden, wo wir mitmachen, wann wir mitmachen und wo und wann wir nicht mitmachen. Das kann jeder für sich entscheiden. #[00:11:44]-7#

Thomas: Genauso ist es. Super, das waren schon einmal sehr coole Einblicke. Christian, du schreibst in deinen Büchern und sprichst auch in deinen Vorträgen davon, dass Stress ein Geschenk sein soll. #[00:11:56]-9#

Christian: (Lacht) #[00:11:57]-3#

Thomas: (Lacht) Das ist jetzt komplett konträr zu dem, was wir vorher besprochen haben. Wie ist das zu verstehen? #[00:12:01]-8#

Christian: Ja! Ich liebe dieses Dipolare, dieses Konträre, denn die Wirklichkeit des Lebens ist nicht so einfach zu erfassen. Ich gebe zwei Beispiele. Auf der einen Seite weiß ich natürlich, dass zum Beispiel das Risiko für einen Hirninfarkt nach einer Ärgersituation um 500 Prozent höher ist als vor der Ärgersituation. Das besagt eine Harvard Studie, und ich weiß, dass Stress, Ärger und Druck gefährlich sind. Ja, und trotzdem sage ich, dass es gleichzeitig auch ein riesengroßes Geschenk ist. Warum? Nehmen wir das Beispiel des Ärgers. Die Situation, in der man sich ärgert, ist die einmalig oder hat sie eher einen wiederkehrenden Charakter? Im echten Leben? #[00:12:53]-9#

Thomas: Im echten Leben ist sie situationsbezogen, aber bei mir einmalig, würde ich sagen. Oder? Ich meine, ich ärgere mich schon immer wieder mal. #[00:13:04]-2#

Christian: Genau. Nehmen wir an, du ärgerst dich zehnmal, glaubst du, es sind zehn ganz verschiedene Anlässe oder glaubst du eher, dass es dabei Ähnlichkeiten gibt? #[00:13:13]-6#

Thomas: Es hat Ähnlichkeiten.  #[00:13:16]-4#

Christian: Ja, total! Mal ist es ein Herr Müller, und mal ist es ein Herr Schulze, aber im Grunde, wenn man genau hinguckt, sind diese Ärger- und auch Stresssituationen in der Regel ähnlich und wiederkehrend. Wenn jemand zum Zeitdruck neigt, dann hat derjenige öfter Zeitdruck, ärgert sich aber seltener darüber. Wenn jemand zum Ärgern neigt, hat er mehr Ärger, aber vielleicht weniger Zeitdruck, aber pro Person ist dieser Charakter von Stress, Ärger und Druck meist wiederkehrend. Und das bedeutet, ich bin einer Situation, die ist wiederkehrend, und ich fühle mich unangenehm. Ich bin nicht glücklich. Das heißt, ich kann noch lernen, dieselbe Situation in Zukunft geschmeidig zu bewältigen. Bedeutet, das Geschenk liegt darin, dass mir das Gefühl von Ärger, auch wenn es unangenehm ist, zeigen will, „hey, Chris, halt mal inne und überlege dir, was du lernen kannst, um in Zukunft damit geschmeidiger umzugehen“. Denn es wird wieder und wieder und wieder vorkommen. Und dazu sind wir oftmals nicht bereit. Gerade während der Situation des Ärgers wollen wir eher andere erziehen als uns selbst. Und da bist du in einem Kreislauf drin, wo du dich über andere Leute ärgerst, aber gar nicht überlegst, was du selbst machen und verändern kannst, wo du dich entwickeln kannst, um in derselben Situation in Zukunft ruhiger zu bleiben.  #[00:14:50]-1#

Thomas: Gehen wir gleich über zum Lösungsansatz. Der wird wahrscheinlich heißen, Gelassenheit aufzubauen. Wie geht das am besten? Wie kann ich, wenn ich in einer Ärgersituation bin, so schnell wie möglich auf Gelassenheit umschalten? #[00:15:02]-3#

Christian: Ich gebe zwei Techniken aus einer Vielzahl von Möglichkeiten, die jeder für sich ausprobieren kann. Einmal bin ich ein großer Fan davon, Ärger und Stress vorzubeugen. Es also gar nicht erst zuzulassen, dort hineinzukommen. Und da gibt es für mich eine super Technik, die ganz einfach ist, und ich finde, Techniken müssen einfach sein, um sie überhaupt anwenden zu können. Wenn man abends seinen Tag Revue passieren lässt, dann gibt es zwei schöne und simple Fragen, erstens: Was war heute richtig schön, was waren meine beiden magischen Momente? Das ist ein Punkt. Es ist wertvoll, dies gedanklich durchzugehen, und genauso auch, sich zu überlegen, wann war ich heute genervt? Wann war ich verärgert, wo war ich unter Stress? Und sich dann zu fragen, vom Herzen her gesehen, wie hätte ich gerne in der Situation reagiert? Also wirklich abends im Bett zu liegen, die Hand aufs Herz zu legen, wirklich physisch die Hand aufs Herz zu legen, den Herzschlag zu spüren, einige Sekunden zu warten und sich dann zu fragen, wie hätte man gerne vom Herzen aus reagiert in der Situation, als man sich geärgert hat und gestresst war? Um beim nächsten Mal eine möglichst große Chance zu haben, genauso zu reagieren, wie man eigentlich hätte reagieren wollen. Das ist für mich die wertvollste und einfachste Technik, um besser darin zu werden, dieses Geschenk von Ärger aufzugreifen, es umzusetzen. Es mit der Reflektionsfrage zu nutzen, „Hand aufs Herz, wie hätte ich gerne reagiert, vom Herzen gesehen?“ Das ist etwas, was dem Ärger gut vorbeugt, weil ich so besser, besser, besser werde, im Laufe der Zeit, der Wochen und Monate.  #[00:16:55]-7#

Und in der Ärgersituation, situativ, bin ich ein großer Fan vom „WOR-Modell“. Das ist ein Wortspiel aus dem Englischen, „War“ für „Krieg“, aber es sind die deutschen Buchstaben „WOR“. Ein Beispiel, ich bin einem Meeting, der Kollege ist zu spät, und ich ärgere mich darüber. Dann stände das „W“ für „wahrnehmen“. Ich sitze in dem Meeting und nehme wahr, was gerade mit mir los ist und was gerade die Situation ist. Das kurz wahrzunehmen. Okay, wir sind zu dritt, einer fehlt, wie geht es mir? Ich bin angespannt, ich bin wütend, ich bin verärgert, und am liebsten würde ich ihm den Hals umdrehen. Wahrnehmen, für einen kurzen Augenblick wahrnehmen. Und das ist so wichtig, weil wir im Ärger, im Stress und im Druck eher destruktiv und dann nicht gerade die freundlichsten Menschen auf der Welt sind. Und dieses Wahrnehmen (anstatt zu werten) sorgt dafür, dass ich ein bisschen runterkomme. Schritt eins von drei. Wenn ich sofort eine Handlung vollziehe, ist diese Handlung eher suboptimal, eher destruktiv. Kurz wahrnehmen. Wir sind nicht in Lebensgefahr, die Zeit können wir uns nehmen. Übersicht gewinnen, innerlich und äußerlich. Was ist gerade los? Wahrnehmen. #[00:18:22]-0#

Das Zweite ist das „O“, und das steht für „Optionen“, mit der Frage, was sind jetzt, hier in dem Meeting, wo der Kollege zu spät kommt, meine konkreten Optionen? Option eins wäre, ich rege mich weiter auf. Option zwei wäre, ich rufe den Burschen an. Option drei wäre, ich fange einfach mit dem Meeting an. Option vier wäre, ich bitte jemanden, ihn anzurufen. Das sind die möglichen Optionen, die ich habe, und noch viel mehr. Und dann kommt der Verstand langsam in den Bereich, wo er anfängt, für mich zu arbeiten, weil er mir Ideen aufzeigt, die ich in meiner Phantasie habe und die ich kreativ einsetzen kann, um nicht gegen mich zu arbeiten, so wie er es bei Stress und Ärger tut.  #[00:19:08]-0#

Dann habe ich mehrere Optionen aufgelistet, mental, gedanklich, und kann dann abschließend das „R“ nehmen: radikale Handlung. Zum Beispiel, wenn mich dafür entscheide, den Kollegen anzurufen, dann rufe ich ihn an. Auch wenn ich denke, „Moment mal, er ist zu spät, also müsste er anrufen“. Ich handle radikal. Ich entscheide mich für die Option drei, ich rufe ihn an. Oder aber ich entscheide mich für Option zwei und fange mit dem Meeting an und schiebe das andere eher weg. Wo ist er? Er kommt zu spät, das ist eine Beleidigung, eine mangelnde Wertschätzung, das ist das „R“, radikal zu handeln. Und ich finde das auch sehr wichtig, weil wir nämlich im Stress Energie haben. Überlege mal, wenn wir uns ärgern, wenn wir wütend und genervt sind, dann haben wir Energie ohne Ende, und die muss irgendwohin. Denn den Ärger in sich hineinzufressen, das wissen wir, das führt auf Dauer zu Magenbeschwerden, zu Rückenbeschwerden, zu Kopfschmerzen und Unzufriedenheit. Und das heißt, die Energie, die Power, die muss raus, allerdings konstruktiv-wertschätzend kanalisiert. Und das beschreibt das „R“, die radikale Handlung. Action machen. #[00:20:17]-9#

Thomas: Spannender Ansatz, werde ich das nächste Mal, wenn ich mich ärgere, ausprobieren. #[00:20:26]-8#

Christian: Nimm dir dabei Zeit, denn das ist die Kunst der Vorbeugung. Du bist in einem guten Zustand, abends bist du ein bisschen müde, lässt den Tag Revue passieren, das wird sofort funktionieren. Auch ihr, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das könnt ihr sofort. Aber das Situative, das braucht zwei, drei, vier Wochen oder gar Monate, bis man das draufhat.  #[00:20:49]-7#

Thomas: Auf jeden Fall eine sehr, sehr gute Idee, vielen Dank dafür.  #[00:20:55]-5#

Christian: Kurze Ergänzung. Viele sagen, dass ihnen drei Schritte zu viel sind, und dass sie nur einen Schritt umsetzen können. Nehmt dann das Allereinfachste und fragt euch, „bin ich jetzt in Lebensgefahr?“ Nein, bist du nicht! Und das beruhigt total. Das ist eine Fokusfrage, die den Fokus lenkt, sich zu fragen, ob man in Lebensgefahr ist und festzustellen, nein, man ist nicht in Lebensgefahr. Und das kann jeder ab sofort anwenden, ohne es zu trainieren.  #[00:21:22]-8#

Thomas: Sehr gut, sehr gut. Das sind schon spannende Einsichten gewesen. Jetzt gibt es aber nicht nur den situativen Stress, sondern den Stress als Dauerzustand gibt es auch. Wie kann ich dem am besten vorbeugen? Hast du dazu Tipps, wenn man sagt, man ist fast dauernd im Stress, man kann sich nicht erholen? Gibt es da auch Möglichkeiten, dem Stress vorzubeugen, vielleicht schon vorbeugend zu arbeiten? #[00:21:45]-0#

Christian: Ja, also viel Alkohol trinken. Nein, Spaß, (lacht) die Menge macht’s! Ernsthaft, ich sage, wie ich das mache. Es gibt viele Dinge, aber zwei Sachen ziehe ich heraus. Ich habe mir angewöhnt, „MM“ zu machen. „MM“ steht für „Meine Minute“. Wirklich auch da wieder ganz einfach, nicht kompliziert, hinsetzen, das Smartphone auf eine Minute stellen, so dass es mich nach einer Minute weckt, Augen zu und Atmung spüren. Hinsetzen und einfach nur zu spüren, okay, atme ich noch? Wie atme ich, was spüre ich beim Ein- und Ausatmen? Und das eine Minute lang machen, bis das Smartphone einen Weckton gibt. Das ist so erholsam, das ist wie kleiner Kurzurlaub, das dreimal während des Tages zu machen, einmal vor der Arbeit, einmal zur Halbzeit und einmal nach der Arbeit. Ich verspreche allen Leuten, die das eine Woche lang durchziehen, dass sie glücklicher, gelassener und belastbarer werden. Ihr werdet durchlässiger für all die Situationen, die euch heute noch stressen. Das ist mein persönliches Versprechen. Eine Woche lang durchzuziehen, dreimal täglich ein „MM“ zu machen, das bewirkt wahre Wunder. Ich mache das, ich weiß das, der Punkt ist, ich kann es nicht für dich machen, ich kann es nicht für euch, für die Zuhörer machen, das muss jeder für sich entscheiden. Und das ist der Kracher!  #[00:23:20]-8#

Thomas: Super.  #[00:23:24]-8#

Christian: Ich habe beim Meditieren, klassischerweise, gelernt, „du Chris, jeden Morgen 20 Minuten hinsetzen, Rücken gerade, Beine über Kreuz“. Ich bin wahnsinnig geworden, das ist nichts für mich! Aber so eine Minute, das schon. Und das bringe ich in meinen Seminaren bei, das bringe ich Managern und Unternehmern bei, denn jeder ist bereit, eine Minute für sich selbst einzusetzen. Das können wir alle machen, und da gibt es keine Ausrede mehr. Ein Hinweis dazu, es ist ganz normal, dass während MM der Verstand auf Reisen geht. Dass ich gerade an Kollegen denke, an Freunde denke, an den bevorstehenden Grillabend, ans Skifahren denke, je nachdem. Ich nehme das wahr. Dann bin ich mit meinen Gedanken von der Atmung weg und kehre zu ihr zurück mit der Frage, wie atme ich, was spüre ich, wenn ich atme, wenn ich ein- und ausatme? Es ist ein ständiger Wechsel. Und ich kann jedem nur empfehlen, das eine Minute lang zu machen.  #[00:24:24]-5#

Und was mir bei meiner Gelassenheit wirklich auch sehr, sehr stark hilft, das ist, meinen Dankbarkeitsmuskel zu trainieren. Wenn ich morgens aufwache, denke ich mir ganz, ganz oft, „wow, wieder einen Tag geschenkt bekommen“. Und das ist kein Fake, das ist kein buddhistischer Kram, sondern das ist wirklich einfach nur eine Dankbarkeit dafür, dass ich am Leben bin. Ich habe vor vier Jahren einer meiner besten Freunde verloren, an Krebs, und das hat mich nochmal so sehr geprägt und mir gezeigt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir am Leben sind. Dass wir zwei Beine haben, dass wir zwei Arme haben, dass wir einen Kopf haben, das ist alles nicht selbstverständlich, obwohl wir es als selbstverständlich hinnehmen. Und es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der echten, gefühlten, tiefen, einfachen Dankbarkeit und der echten Gelassenheit.  #[00:25:23]-2#

Thomas: Perfekt, das kann ich nur unterstreichen. Vielleicht noch als Tipp, wenn ich den hinzufügen darf? #[00:25:30]-0#

Christian: Ja, gerne. #[00:25:29]-4#

Thomas: Ich mache das Ganze sehr gerne mit Triggern. Das heißt, immer, wenn ich mich nach einer Pause wieder an den Schreibtisch setze, dann fange ich auch mit einer solchen „MM“-Minute an, einfach mal durchatmen, die Augen schließen und mir ein bisschen Zeit schenken, bevor ich dann wirklich mit der Arbeit anfange. Trigger sind meist eine gute Idee, damit man es nicht vergisst. #[00:25:48]-9#

Christian: Super. Also als ein Motto, „bevor ich anfange zu arbeiten, mache ich einmal MM“, zum Beispiel. #[00:25:53]-9#

Thomas: Genau. #[00:25:55]-3#

Christian: Das ist ein guter Anker, definitiv.  #[00:25:59]-6#

Thomas: Ich habe vorhin erwähnt, dass ich ein Technik-Freak bin. Jetzt gibt es zum Thema „Stress“ und „Gelassenheit“ auch jede Menge Apps, Programme und vielleicht sogar Tools. Bist du eher einer, der sagt, „brauche ich nicht“ oder hast du einen Tipp für uns? #[00:26:12]-1#

Christian: Ich gehe mal in meinen Ordner auf dem Smartphone. Klar, ich habe einige getestet. Ich persönlich nutze keine App, denn es ist für mich mittlerweile zur Routine geworden, das habe ich drin. Ich habe allerdings in meinem Kalender einen wiederkehrenden Termin stehen, der mir jeden Morgen um [08:00] Uhr ein langes „WWWWWWWWW“ anzeigt, also ganz viele Buchstaben „W“ der Reihe nach. Das ist für mich ein persönliches Symbol, das für das Ausatmen und für Ruhe steht. Das ist meine Technik. Ich persönlich finde zwei Apps ganz gut, einmal „7Mind“ und dann „Headspace“. Das sind die beiden, die ich gerne empfehle. Die eine von beiden wurde hier in der Nähe entwickelt, an der Uni Witten, und sie wird auch in Dortmund von den Leuten dort mitbetreut. Und das sind schon gute Apps, diese beiden, die mir dabei helfen. Ich habe keines dieser Armbänder, ich weiß jetzt nicht deren Namen. #[00:27:32]-3#

Thomas: Fitnesstracker. #[00:27:32]-0#

Christian: Ja genau. Die habe ich nicht, aber ich weiß, dass die einem mittlerweile schon sagen können, „du hast dich gerade viel bewegt, es ist Zeit für eine Ruhepause“. Das ist auch eine gute Idee. Dennoch glaube ich, wenn jemand verstanden hat, dass er eine einzige Chance hat, aus seinem Leben ein Meisterwerk zu machen, und das ist jetzt kein Fake und keine flache Rede von mir, ich meine das total ernst, wir haben eine Chance, ein richtiges Meisterwerk aus unserem Leben zu machen, und zwar eines, von dem wir selbst sagen, „ich finde, mein Leben läuft gut“, wer das begriffen hat, der braucht die App nicht. Der braucht sie vielleicht zu Beginn, aber ich glaube, es beginnt beim Willen und bei der unbedingten Bereitschaft, sich die Zeit zu nehmen, Mails Mails sein zu lassen, und einfach mal zu begreifen, dass man geworden wurde. Super, ich habe ein Leben geschenkt bekommen, aber ich habe kein gutes Leben geschenkt bekommen. Ich habe ein Leben geschenkt bekommen, aber ob es ein gutes Leben ist oder nicht, darum muss ich mich selbst kümmern. Und wer das begriffen hat, wirklich tief begriffen hat, der kann die App als Unterstützung verwenden, braucht sie aber nicht wirklich. Dennoch habe ich diese beiden Apps auf meinem Smartphone und schaue auch manchmal hinein, zum Beispiel, wenn ich am Flughafen bin. 7Mind habe ich gerade vorgeschlagen, und die andere, Headspace, diese beiden gehören auch zu den bekanntesten. Was ich auch unheimlich gut finde, das sind die Webseiten der Krankenkassen. Die haben mittlerweile ein ganz, ganz hohes Niveau bei dem, was sie an Apps und geführten Meditationen anbieten. Da sind sie stark, und da gibt es eine Menge an Technik. #[00:29:39]-7#

Thomas: Super. Wer das will, kann sich das natürlich herausgoogeln. Super, Chris, viele, viele tolle Tipps, vielen Dank dafür. Deine drei Bücher werde ich in den Show Notes verlinken, ganz klar. Wenn jetzt jemand sagt, dass er mehr über Chris Bremer erfahren will, wo muss er hin? #[00:29:54]-5#

Christian: Einmal gibt es meine Webseite, christian-bremer.de, auf der befindet sich ein Bereich, der sich „Service“ nennt. Dort findet man einen gratis IQ-Test, wo wir keine Daten bekommen. Der kann ausgefüllt werden, und es fließen keine Daten von dem Profil, was derjenige dort ausfüllt, auf unseren Server. Das ist komplett anonym, man muss nichts angeben, keine Mail, keinen Namen. Das ist ganz lustig, ein Gelassenheits-IQ-Test. Dann gibt es da mein „Zitat der Woche“, das an die Gelassenheit erinnert. Wer Lust hat, nach Dortmund zu reisen, ich mache jedes Jahr ein wunderbares Event, den „Tag der Gelassenheit“. Das ist auch auf der Webseite beschrieben. Für die Leute, die sich über Achtsamkeit informieren wollen, empfehle ich mein Buch „Prinzip Achtsamkeit“, das im Beck-Verlag erschienen ist. Es kostet 6,90 Euro und ist überall im Buchhandel und bei Amazon erhältlich. Und dann gibt es noch das größere Buch, „Gelassenheit gewinnt“, für diejenigen, die mehr als Achtsamkeit möchten und tiefer in die technischen Details gehen wollen, mentale Stärke et cetera. Außerdem gebe ich viele Tipps und Tricks über Facebook, da einfach #gelassenheitgewinnt. Ich freue mich über das Teilen. Dort packe ich einige Videos hinein und auch Sprüche, die einem dabei helfen können, im Alltag gelassener und aktiver zu sein.  #[00:31:33]-3#

Thomas: Das packen wir alles in die Show Notes, keine Frage. Chris, das war ein extrem spannendes Gespräch für mich, vielen, vielen Dank. Ich habe wieder einiges gelernt, und wie es in meinem Podcast so üblich ist, gehören die Abschlussworte dir. #[00:31:45]-3#

Christian: Kümmert euch um eure Gelassenheit, ich kann es nicht für euch tun. #[00:31:52]-1#

Thomas: Vielen Dank und alles Gute. #[00:31:54]-5#

Christian: Danke, danke. Ciao, ciao. #[00:31:55]-7#

Thomas: Ciao. #[00:31:56]-8#

Ich denke, ich habe vor dem Interview nicht zu viel versprochen, sympathisch und Know-how ist vollkommen vorhanden beim Christian. Es war wirklich ein sehr, sehr spannendes Interview, und ich habe wieder viel gelernt. Das sind die schönsten Interviews für mich, bei denen ich selbst noch etwas lernen kann. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch du sehr viel davon mitnehmen konntest. Wo gibt es mehr vom Christian zu erfahren? Vor allem in den Show Notes natürlich, und die Show Notes, die findest du unter selbst-management.biz/181 für die 181. Podcastfolge. Da geht es zu seinen Büchern, da geht es natürlich auch zu seiner Webseite, zum Gelassenheits-IQ-Test und zu vielem, vielem mehr, einfach zu allem, was du über Christian wissen musst. #[00:32:44]-9#

Ich bedanke mich recht herzlich, dass du wieder dabei warst. Ich wünsche dir eine angenehme Zeit und verabschiede mich mit den Worten, mit denen ich mich immer wieder verabschiede, nämlich mit: genieße deinen Tag! #[00:32:57]-8#

Outro: Effizienter arbeiten, lernen und leben – der Podcast für dein Selbstmanagement. Damit du endlich wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben hast. #[00:33:17]-1#